Der maskierte Fachkräftemangel

22.000 Arbeitsplätze hat der Maschinenbau 2025 abgebaut. Gleichzeitig meldet der Ingenieurmonitor von VDI und IW Köln 99.470 unbesetzte Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen. Beides stimmt. Beides zur selben Zeit.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte sich das Fachkräfteproblem von selbst erledigt. Die Daten zeigen das Gegenteil. Der Mangel ist nicht verschwunden. Er ist nur leiser geworden.

Dieser Bericht analysiert die Fachkräftesituation in der deutschen Industrieautomatisierung, im Maschinenbau und in der Verfahrenstechnik. Die zentrale These lautet: Der Fachkräftemangel ist strukturell, nicht konjunkturell. Die aktuelle Rezession drückt die Statistik nach unten, aber sie löst das Grundproblem nicht. Sobald die Auftragslage anzieht, und die Auftragseingänge im vierten Quartal 2025 zeigten erste Signale, kehrt die Lücke größer zurück als zuvor.

„Spannende Lektüre und gut zusammenfassende Aussage, dass die konjunkturell bedingte Lage am Arbeitsmarkt und die strukturellen Herausforderungen differenziert betrachtet werden müssen."

Maximilian Stindt, VDI, Beruf und Arbeitsmarkt

Die drei Kernaussagen

Erstens: Der Fachkräftemangel im Ingenieurbereich ist demografisch bedingt und damit unabhängig von der Konjunktur. Die Rezession maskiert ihn, sie beseitigt ihn nicht.

Zweitens: Nearshoring nach Osteuropa stößt an Grenzen. Die Kosten steigen, die Arbitrage schrumpft, und immer mehr Branchen konkurrieren um denselben Talentpool.

Drittens: Dedizierte Engineering-Teams über EoR-Strukturen geben dem Mittelstand eine Option, die bisher nur Großunternehmen mit eigenen Auslandsstandorten offenstand.

Die Zahlen

Es sind drei Werte, die das Bild bestimmen. 99.470 offene Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen, branchenübergreifend, im dritten Quartal 2025. Eine durchschnittliche Vakanzzeit von 180 Tagen im Januar 2025. Und ein jährlicher Wertschöpfungsverlust von 49 Milliarden Euro durch die gesamte Fachkräftelücke, gerechnet vom IW Köln. Das entspricht rund 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Diagnose: Abbau und Mangel gleichzeitig

Die Schlagzeilen sind eindeutig: Stellenabbau im Maschinenbau, sinkende Auftragseingänge, Kurzarbeit. Der VDMA meldete im Februar 2026, dass die Beschäftigtenzahl im Maschinen- und Anlagenbau Ende 2025 bei 1,001 Millionen lag, ein Rückgang von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. VDMA-Arbeitsmarktexperte Fabian Seus ordnete ein, das sei kein konjunkturelles Auf und Ab mehr, sondern Ausdruck tieferliegender struktureller Probleme.

Was in den Schlagzeilen fehlt: Trotz des Abbaus verzeichnete der Ingenieurmonitor im dritten Quartal 2025 noch immer 99.470 offene Stellen. Auf 100 arbeitslose Fachkräfte kamen 194 offene Positionen. In der Energie- und Elektrotechnik waren es 558. Der Mangel ist nicht weg. Er hat sich verschoben. Wer nur auf die Maschinenbau-Statistik schaut, übersieht das.

Warum der Mangel statistisch unsichtbar wird

Die IW-Fachkräftelücke ging 2024 auf 487.029 unbesetzbare Stellen zurück. Der Grund war nicht mehr Personal, sondern weniger ausgeschriebene Stellen bei steigender Arbeitslosigkeit. Für Positionen mit Hochschulabschluss blieben rechnerisch weiterhin 45,3 Prozent der offenen Stellen unbesetzbar.

Der Mechanismus ist einfach. Unternehmen reduzieren ihre Ausschreibungen nicht, weil sie genug Leute haben. Sie reduzieren, weil sie aufhören zu suchen. Die Lücke schrumpft auf dem Papier. In der Realität wartet sie. Im Schlussquartal 2025 planten bereits 20 Prozent der Unternehmen, ihre Stammbelegschaft wieder auszuweiten, nach 17 Prozent im Vorquartal. Wenn diese Erholung einsetzt, trifft sie auf einen Arbeitsmarkt, der strukturell enger ist als vor der Krise.

Die Gehaltsfalle des Mittelstands

Deutsche Mittelständler können bei Ingenieurgehältern nicht mit Siemens, Bosch oder den Automobil-OEMs mithalten. Ein typischer Mittelständler bietet 60.000 bis 70.000 Euro für einen Senior-Automatisierungsingenieur. Ein Automobil-OEM bietet für vergleichbare Profile 80.000 Euro aufwärts. Der Mittelstand verliert diesen Wettbewerb nicht an Engineering-Qualität, sondern an Gehaltsstruktur. Ein alternativer Talentpool nimmt ihn aus diesem Wettbewerb heraus.

Den vollständigen Bericht lesen

Dieser Bericht umfasst 16 Seiten mit allen Daten, dem Standortvergleich, einem Fallbeispiel und dem rechtlichen Rahmen. Sie können ihn als PDF herunterladen.

Methodik

Die Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Daten von VDI, IW Köln, VDMA, IAB, Eurostat und Strategy& sowie auf Erfahrungswerten aus der operativen Tätigkeit von Scope Merge.

Wenn Sie aktuell offene Engineering-Stellen nicht besetzen können, sehen Sie sich an, wie der Aufbau eines Teams in Tunesien funktioniert.

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