Osteuropa unter Druck
Die naheliegende Antwort vieler deutscher Mittelständler auf die Fachkräftekrise heißt Nearshoring nach Polen, Tschechien oder Rumänien. Die Logik ist nachvollziehbar: EU-Mitgliedschaft, gleiche Zeitzone, wachsende Talentpools. Aber die Rechnung, die vor zehn Jahren aufging, geht heute nicht mehr auf.
Die Kostenkonvergenz
Die jüngste Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, trägt den Titel "Nearshoring on the CEO Agenda 2026" und untersucht die Produktionsverlagerungen deutscher Industrieunternehmen. Die Kernerkenntnis: Deutsche Firmen haben ihre Off- und Nearshoring-Aktivitäten zwischen 2018 und 2025 um 153 Prozent gesteigert. 70 Prozent der verlagerten Kapazitäten gingen nach Mittel- und Osteuropa.
Doch Strategy& warnt: Viele dieser Initiativen lieferten nicht die erwarteten Einsparungen. Steigende Arbeits- und Energiekosten schmälern den Vorteil der Region. Die Studie bezieht sich vor allem auf Produktionsverlagerungen, nicht auf Engineering-Dienstleistungen. Die Dynamik ist aber für beide Bereiche dieselbe, denn dieselben steigenden Arbeitskosten treffen Fertigungsmitarbeiter wie Ingenieure.
Ein Blick auf die Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe, gemessen am deutschen Niveau, macht das deutlich. Deutschland liegt bei 100 Prozent. Tschechien und Polen liegen jeweils bei 56 Prozent, Ungarn bei 45 Prozent. Die Tendenz ist steigend. Und es konkurrieren nicht nur deutsche Maschinenbauer um diese Ingenieure, sondern auch die Automobilbranche, die Chipindustrie und internationale Tech-Konzerne. Tschechien ist laut Savills-Index das weltweit führende Nearshoring-Ziel, was den Talentwettbewerb weiter verschärft.
Der unterschätzte Faktor
Strategy& nennt neben den steigenden Kosten ein zweites Problem. Viele Nearshoring-Initiativen binden Management-Kapazität, ohne einen differenzierenden Wettbewerbsvorteil zu schaffen. Die Studie beschreibt einen Kreislauf aus Margendruck, fragmentierten Standortentscheidungen und überlasteten Führungsstrukturen.
Hier liegt der eigentliche Engpass. Er heißt nicht Talent, er heißt Führung. Die meisten Projekte mit verteilten Engineering-Teams scheitern nicht an der Qualität der Ingenieure am Remote-Standort. Sie scheitern an fehlender Management-Kapazität auf deutscher Seite. Wer Arbeitspakete über den Zaun wirft und auf Ergebnisse wartet, wird enttäuscht. Wer einen technischen Lead abstellt, der das Remote-Team wie ein internes Team führt, mit regelmäßigen Abstimmungen, Designreviews und Qualitätskontrollen, bekommt vergleichbare Ergebnisse. Die unausgesprochene Voraussetzung für jedes Modell mit verteilten Teams ist ein Engineering-Manager, der bereit ist, ein verteiltes Team zu führen.
Standortvergleich
Vier Standortoptionen, die deutsche Mittelständler im Maschinenbau und in der Automatisierung typischerweise prüfen. Die Bewertung beruht auf öffentlichen Quellen und eigener Marktkenntnis. Es sind Bandbreiten, keine Punktschätzungen, und die regionalen Unterschiede innerhalb der Länder können erheblich sein.
| Kriterium | Deutschland | Osteuropa (PL/CZ/RO) | Indien | Tunesien |
|---|---|---|---|---|
| Zeitzone | CET | CET bis CET+1 | +3,5 bis 4,5h | CET |
| Monatl. Gesamtkosten (Mid-Level, all-in) | 7.500 bis 9.000 € | 3.500 bis 5.500 € | 1.500 bis 3.000 € | 2.000 bis 3.500 € |
| Einsparung vs. Deutschland | Basis | 35 bis 55 % | 60 bis 80 % | 60 bis 75 % |
| Kosten-Trend | Steigend | Stark steigend (Konvergenz) | Steigend (IT-Inflation) | Stabil |
| STEM-Absolventen | ~33 % | 25 bis 30 % | ~34 % | ~40 % |
| Talentwettbewerb | Extrem hoch | Hoch, steigend | Hoch (IT-Services) | Moderat |
| Deutsch-Kenntnisse | Muttersprache | Selten | Sehr selten | Selten |
| Englisch-Niveau | Gut | Gut (PL/CZ) | Sehr gut | Gut |
| EU-Datenschutz | DSGVO | DSGVO (EU) | Kein Adäquanzbeschluss | National geregelt, SCCs für Transfers |
| Reisezeit (ab Frankfurt) | Vor Ort | 1 bis 2h Flug | 8 bis 10h Flug | 2,5h Flug (Direktflüge) |
| Kulturelle Nähe | Basis | Mittel bis hoch | Gering | Mittel |
| Industrieautomatisierung | Gering (Engpass) | Mittel (Wettbewerb) | IT stark, OT schwach | Automotive stark, Automatisierung wachsend |
| Risikoprofil | Regulatorisch, demografisch | Kostenkonvergenz, Talentwettbewerb | IP, Zeitzone, Fluktuation | Geringer Bekanntheitsgrad |
Die Tabelle zeigt das Muster. Osteuropa bietet weiterhin Vorteile bei Zeitzone und Nähe, aber der Kostenabstand schrumpft und der Wettbewerb um Talent steigt. Tunesien liegt bei Kosten und STEM-Quote vorne, in derselben Zeitzone, bei vergleichbarer Reisezeit. Der größte Nachteil ist der geringe Bekanntheitsgrad, und genau das ist für frühe Anwender ein Vorteil.
Zurück zur Übersicht des Berichts.
Weiter zum nächsten Kapitel: Dediziertes Team statt Outsourcing.